Texte über Karol Bethke

1.

KAROL BETHKE

Zeichnung und Plastik

Galerie Andre Anselm Dreher Berlin

Die Beziehung zwischen Plastik und Zeichnung im Werk von Karol Bethkes ist nachvollziehbar, obwohl sie nicht offensichtlich ist. Beide sind Zeichen im wahrsten Sinne des Wortes, also nicht semiologisch. Die Formensprache Karol Bethkes ist reduziert, minimalistisch, das dahinter verborgene Kalkül ist aber paradoxerweise expressiv. Die Mittel ihres Ausdrucks sind kariertes Papier, Filzstifte und Bleistift sowie verschiedenartige Lasuren. Dies Formen der einzelnen Zeichnungen beziehen sich auf das karierte Papier und entwickeln sich daraus, indem sie gedachte Diagonalen verlängern, vorhandene Senk- und Waagerechte in die Zeichnungsform integrieren. Die fertigen Figuren verdanken sich einem kontinuierlichen Überlagerungsprozeß, der sowohl auf das vorhandene Raster als auch auf die vorhergehende Zeichnung Bezug nimmt. Am unteren Rand lassen sich zuweilen kleine Zahlenkolonnen entdecken, die das System der Zeichnung in Erinnerung halten. Diese Stütze ist für Karol Bethke in seiner Arbeit notwendig, denn die Zeichnungen sind ein work in progress, dessen Endpunkt noch nicht abzusehen ist. Auch wenn der Betrachter eine einzelne Zeichnung ins Auge fasst, muss er sich bewusstwerden, dass dieses Werk nur synchronischer Schnitt in einer diachronen Entwicklung ist. Diese Tatsache findet eine Entsprechung in materiellen Aspekt des Werkes, denn mitunter verbirgt sich die die Zeichnung aufbauende Struktur hinter einer schwarzen Lasur wie in dem Komplex der Häuserzeichnungen. Auch hinter einer rein schwarzen Dachform ist die Struktur vorhanden und scheint durch.

Aus den Bestimmungen, die Karol Bethke in den Zeichnungen vornimmt, entwickelt sich indirekt das plastische Werk. Hier tritt eine Verschiebung zutage, die auch das zeichnerische Werk kennzeichnet. Die kleine Form der Zeichnung, ihr scheinbar improvisiert Charakter scheint einer Expressivität mehr Raum zu geben. Karol Bethke konterkariert mit seinen Zeichnungen diese Bestimmung, ohne Expressivität zu leugnen. Sie nimmt zeitgenössische Form an (ähnlich wie im Werk von Manfred Stumpf).

Auf andere Weise verschiebt Karol Bethke in seinem plastischen Werk dessen Wirkung. Auch in ihm ist der gestische Ausdruck zurückgedrängt. Das Kalkül hat an ihnen ebenso Anteil wie in den Zeichnungen, hier aber realisiert es sich offensichtlich, die Struktur liegt offen zutage. Erst in der Wahrnehmung realisiert sich der expressive Gehalt. In Bezug auf die Zeichnungen wird die Plastik zu einem dreidimensionalen Artefakt, das sich aus der Zweidimensionalität entwickelt und auf diesem Hintergrund zu sehen ist. Die Formensprache ist auch hier reduziert und erfahrt erst in der Erfahrung eine Erweiterung. Im Werk Karol Bethkes erweist sich das Minimale im scheinbaren Kalkül als Ausdruck einer sich selbst steuernden Expressivität, das sich damit als ein nachvollziehbares Konstituens jeder künstlerischen Produktion erweist.

THOMAS WULFFEN

 

2.

Ausbruch aus dem Rechteck

Karol Bethke Zeichnungen, Bilder und Skulpturen bei Koppelmann

(Kölner Kulturberichte, 18.-19. Juli 1987)

Die Zeichnung ist zweifelsohne das Grundelement in der künstlerischen Arbeit von karol Bethke. Von das aus entwickelt er vielfältige Perspektiven der Auseinandersetzung mit Linie, Raum und Fläche. In den sehr exakten Blättern, die durchweg als Reihnug meherer, sehr kleiner, aufeinander bezogener Zeichnungen konzipiert sind, bildet das Gitter von Rechenkästchen die Ausgangslage für die Erfindung, Wiederholung und Variation von Formen eines geometrischen Charakters. Das Kästchen als verbindendes Element serieller Prägung, als räumliches Feld und als kleinste Zeicheneinheit. Rechenkästchen, aus dem Schulunterricht eher als Symbol strenger Ordnung und Einengung in Erinnerung, öffnen Bethke als Zeichengrundlage einen weiten Rahmen, der einmal Raumtiefe, ein anderes Mal interessante Schattierungen schafft. Jede Zeichnung besteht aus unendlich vielen Linien und einigen Farbflächenmustern. Liniengitter und Farbflächen treten dabei in eine Korrespondenz: stoßen aneinander, bleiben transparent, gehen auseinander hervor, umgrenzen, überlagern oder überdecken sich. So springt der Betrachter innerhalb der aufgereihten Vielfalt von Zeichnungen ständig von einer zur anderen, vergleicht Formen, Muster und Farbkombinationen, sucht Ergänzungen, Wiederholungen, Variationen und eine vielleicht darin verbogene Systematik.

Die Zeichnungen erfahren als kleine Holzobjekte (in kräftiger Farbigkeit), die auf einem schmalen, grauen Sockelkasten stehen, eine Verlängerung in den Raum. An ihnen lassen sich an den Zeichnungen entworfene und vorgestellte Formgebilde in ihrer tatsächlichen Körperlichkeit und Raumwirkung überprüfen. In einer weitern Arbeit wird der zeichnerische Ansatz als vergrößerte Version auf die Wand verlängert. Diese besteht aus zwei Farb-Form-Flächenelementen, die versetzt und mit Zwischenräumen zueinander aufgehängt, auf eine ansprechende Weise spürbar werden lassen, dass Wahrnehmung immer mit Ergänzung und Vervollständigung zu tun hat. Die auf den Elementen gemalten Flächen werden als Vorstellung über die Bildgrenze hinaus erweitert.

Wahrnehmung als Prozess, in dem Bilder nicht einfach fertig da sind, sondern erst hergestellt werden. Gerade die Reduziertheit dieser zweiteiligen Wandarbeit drängt dem Betrachter nicht auf, sondern lässt das meiste offen und fordert ihn zu einer aktiven Wahrnehmung heraus. (Ausstellung in der Galerie Koppelmann)

J.K.


3.

In der Tradition konkreter Kunst legt Karol Bethke bestimmte geometrisch definierte Formkonstellationen fest, die er dann in seinen kleinen farbigen Zeichnungen in allen ihren Variationsmöglichkeiten ausarbeitet. Insofern haben diese Zeichnungen auch den Charakter von Diagrammskizzen. In ihrer aufwendigen zeichnerischen und malerischen Ausarbeiteung gehen sie allerdings über das Diagramm hinaus. Die Flächen oder Flächenstrukturen werden in einem sehr differenzierten, zeichnerisch malerischen Verfahren ausgefüllt und aufgebaut und erreichen damit eine malerische Oberflächenqualität eigenen Rechtes. Die „Diagramme“ werden so zu „Miniaturen“.

Wenn das systematische Denke in der konkreten Kunst vielfach zu einer Anonymisierung und Entwertung der malerischen Substanz geführt hat, so richtet sich Karol Bethkes Arbeit genau dagegen. Zur abstrakten Systematik des Form- und Strukturdenkens tritt die individuelle malerische Ausgestaltung.

Nürnberg 1990 Dr. Lucius Griesebach